Freitag, 2. Januar 2009

Kurzgeschichte aus
„Pott und die Welt…“
(Brigitta Willer)
Deeskalieren?

Und jetzt auch noch ein Schwarzer! – Die zwei Grauhaarigen blickten besorgt dem neuen Fahrgast entgegen. Es war kurz nach drei Uhr morgens, vier, fünf S-Bahn-Stationen nach ihrem Einstieg in Wehringhausen. Schon seit geraumer Zeit fragten sie sich verängstigt, wie diese Fahrt wohl enden würde. Sie verfluchten bereits den frühen Flug, für den es nur diesen Zubringer gegeben hatte.

Eine Station nach ihnen – am Heubing - waren drei Glatzen zugestiegen, lässig halbvolle Bierflaschen schwenkend und mit ausgebeulten Taschen, in denen sich leicht weiterer Stoff vermuten ließ. Dass die nicht zur Frühschicht wollten, war offensichtlich. Wichtig waren sie – grölten es in alle Richtungen, hoben den Arm auf Schulterhöhe und grüßten auf einschlägige Art – Herrenmenschen eben!
Den Wagen zu verlassen trauten sich die zwei Alten nicht – hätten sie doch diese Gang passieren müssen. Also machten sie sich unsichtbar, vermieden jeden Sichtkontakt. Schreckten aber jedes Mal zusammen, wenn wieder braune Tiraden aggressiv herausgebölkt wurden.
Klara, klein und zierlich und immerhin knapp 70, sah sich vorsichtig um – was war zu tun? Die Notbremse war mit ein paar Schritten erreichbar - aber was dann? Oder lieber das Handy - aber welche Nummer? Wenn doch nur ein paar Leute zusteigen würden! – Das Gegröle wurde immer unerträglicher – machte Angst.
Inzwischen kreiste auch eine Schnapsflasche im Trio. Mehr und mehr verloren die Jungmannen die Kontrolle über sich. Versuchtes Aufstehen ließ sie bereits in der leichtesten Kurve aus der Balance geraten.
In Schwelm – endlich – stiegen drei Personen zu. Junge Frauen – wohl eher noch Mädchen. Die zwei Grauen atmeten durch. Aber was sich da albern kichernd und auch nicht mehr nüchtern über die Sitze fläzte, war nicht die erwartete Hilfe. Im Gegenteil. Es stachelte die Glatzen nur an, noch mehr pöbelnd herumzugockeln.
Herausfordernde Blicke wanderten herüber und hinüber. Man kam sich näher – Platzreihe für Platzreihe.

Wenn die sich zusammentun, kommen wir hier nicht mehr heile raus, dachten die zwei Alten synchron. Und der Schwarze mittendrin war jetzt der Tropfen, der bald das Fass zum Überlaufen bringen würde. Und richtig – es ging los. Die Glatzen machten den Affen – von den Mädchen beklatscht und aufs Handy gebannt. „Willze ne Banane? – He, Nigger, sach schon!“–

Die Pulle machte erneut die Runde, jetzt die erweiterte - total blau inzwischen alle sechs.

Nach einer Weile merkten die zwei Alten, dass die Clique leiser wurde. Immer wieder streifte ein hämischer, selbstgefälliger Glatzenblick den Dunkelhäutigen. Das konnte nur bedeuten, es war etwas im Gange. Man robbte sich ran an die Sitzbank des elegant gekleideten Afrikaners. Oder doch Deutscher? Der blieb gelassen, wohl erfahrener im Umgang mit solchen Kanaillen. Nur nicht reizen diesen Mob – das hatte er verinnerlicht.

Deeskalieren – dieses Wort tauchte plötzlich aus dem Nebel der Angst im Kopf der 70-Jährigen auf. Als im Osten der Republik die Neos mal wieder zugeschlagen hatten, hatte es der Mann von der Polizeigewerkschaft gebetsmühlenartig wiederholt. Und es war hängen geblieben.
Damals hatten ihr guter August und sie der Mattscheibe noch eifrig Beifall genickt.- Doch das war zu Hause, auf ihrem Sofa. Wie aber deeskaliert man eine solch unübersichtliche Situation in der Realität? War bei den Suffköppen überhaupt noch etwas zu deeskalieren?
Vielleicht bluffen?

„Gott sei Dank – die Polizei“, Klara brüllte es geradezu heraus. August wusste gar nicht, was los war. „Polizei? Um Himmels Willen, wo?“
Solch eine lange Leitung hatten die Glatzen nicht. Das Wort Polizei riss sie magisch von den Sitzen. So benebelt konnten sie gar nicht sein, als dass dieser Ruf sie nicht elektrisierte. Nur raus, nichts wie weg hier. Blindlings stolperten sie dem Ausgang zu, stürzten, rappelten sich hoch. In Barmen quoll das besoffene Knäuel durch die geöffneten Türen hinaus auf den Bahnsteig. Bis auf einen Fuß. Der blieb hängen, verhakte sich zwischen Bahnsteigkante und Bahn. Konnte sich nicht befreien. Schon gar nicht in Hektik und im Suff. Der Schmerz schallte über den ganzen Bahnsteig. Brüllte um Hilfe. Die Angst der Kumpels vor Festnahme aber wog schwerer als ihre Kameradschaft. Und in nullkommanix waren sie verschwunden. Das „Ihr Schweine!“ des Eingeklemmten konnte sie auch nicht zur Hilfe bewegen. Noch eine Anzeige konnten sie sich nicht leisten. Ihr Kerbholz war voll. – Die Feigheit trägt Glatze!

Ein großer dunkler Schatten beugte sich über den Unglücksraben. „Lassen Sie mal sehen“, dröhnte ein Bass mit dem kehligen Tonfall des Yankees, „ich bin Arzt – vielleicht kann ich was für Sie tun.“

Samstag, 4. Oktober 2008

Brigitta Willer


Die fest gefügten Fünfziger ff
von der Adenauerära in die Achtundsechziger

Ardenku-Verlag


(Leseprobe)


Zu diesem Buch

Diese Erzählung zeichnet einen Bogen von den fest gefügten Fünfzigern der Adenauerära mit ihren verkrusteten Strukturen hin zu den Achtundsechzigern, deren erklärtes Ziel es war, diese Strukturen aufzubrechen.
Folgerichtig schlug das Pendel nach der Zeit der Restauration, die die Menschen im statisch Gestrigen gefangen gehalten hatte, extrem aus in die gegenläufige Richtung.
Die Epoche der Achtundsechziger verwarf nahezu alles bisher Gültige und schlug dadurch einerseits eine Schneise für den frischen Wind der neuen Zeit.
Indem sie aber auch Bewährtes und Erhaltenswürdiges mit hinwegfegte, nahm sie andererseits auch vielen Menschen das Regelwerk, mit dessen Hilfe sie bisher das Leben meistern konnten.

Wie nun könnte dieser Prozess verständlicher dargestellt werden als durch persönliche Erlebnisse? Sie malen ein komplexes Bild der Epoche und geben Ort und Zeit Authentizität.

So begleitet der Leser, die Leserin die junge Maria durch die Zeitläufte und betrachtet den Wandel der Gesellschaft durch ihre ganz persönliche Brille.


Prolog
Die frühen Fünfziger

In der jungen Republik herrschte Aufbruchstimmung - Optimismus machte sich breit. Die Menschen waren initiativ und krempelten die Ärmel hoch.

Die schlimmsten Trümmer waren entfernt -Wohnhäuser schossen wie Pilze aus der Erde. Und das unter besonderen Schwierigkeiten: Baumaschinen gab’s kaum. Die Bauleute bedienten sich alter bewährter Methoden. Bauhelfer trugen den Mörtel in Speisvögeln über steile Leitern von Stockwerk zu Stockwerk. Anstelle von Kränen wurden Flaschenzüge mit Muskelkraft bewegt.
Die Mietshäuser der Innenstädte zeigten bald neue gesichtslose Fassaden - hastig und lieblos hochgezogen. Die Menschen wollten raus aus ihren Notquartieren, möglichst schnell. Und der Wohnraum musste billig und bezahlbar sein.

Man richtete sich also ein in der Nachkriegszeit.

Die Wiederwahl Adenauers wurde von der Kanzel empfohlen – die Empfehlung befolgt. Dagegen wurden die in Bundestagsdebatten mit Leidenschaft und in brillanter Rhetorik vorgetragenen Argumente Fritz Erlers kaum zur Kenntnis genommen.

Zwar hatten immer mehr Haushalte die Möglichkeit, Parlamentsdebatten im Radio zu verfolgen, doch wurde diese Möglichkeit nur selten wahrgenommen.
Große Teile der Kriegsgeneration hatten die Nase voll von jeglicher Politik. Zu übel waren die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit. Mit dem Kirchen-Vorschlag glaubten sich viele auf der sicheren Seite.

Erhards Wirtschaftswunder begann.

Betriebe stellten wieder ein. Familienväter - es waren eigentlich immer die Familienväter - brachten am Freitagabend volle Lohntüten nach Hause. Und Familienmütter hatten wieder etwas einzuteilen.

In den Familien herrschte Zucht und Ordnung – „So lange du deine Beine unter meinen Tisch stellst ...“, war fast überall Grundlage familiären Zusammenlebens.

Gewisse Reihenfolgen wurden eingehalten. Uneheliche Kinder waren verpönt – die Adenauer–Ära gab Moralvorstellungen und Verhaltensmuster vor. Man hielt sich daran, zum Schein oder aus Überzeugung. Argumente dagegen prallten gegen unsichtbare Klippen der Ehre und der Moral.

Rudolf Prack und Sonja Ziemann unterstrichen den moralischen Anspruch dieser Zeit. In den Heimatfilmen waren die Rollen klar definiert. Uneheliche Kinder führten zur Ächtung von Mutter und Kind – nur in den seltensten Fällen des Vaters. Der Ausschluss aus der Gesellschaft endete im Elend oder im Wasser – die Zuschauer nahmen das schluchzend zur Kenntnis, fanden aber im allgemeinen, dass das ja so habe enden müssen.

Jetzt meldete sich auch das Fernweh.
Rudi Schurike besang die rote Sonne, die auf Capri im Meer versank.. Bella Italia lockte die Pauschalurlauber und wurde zum Teutonengrill. 14 Tage Jahresurlaub standen zur Verfügung, und die galt es zu nutzen.
Raus aus dem täglichen Allerlei wollte man, den Sparzwängen entrinnen, über die Strenge schlagen wollte man, hinaus aus dem Mief, den allgegenwärtige Kontrolle verbreitete.
Braun gebrannte Rückkehrer erweckten den Neid der Kollegen und der Nachbarschaft. Das erzählte Erlebte oder auch nur Erträumte hob das Selbstbewusstsein – zumindest so lange, bis alle Bekannten und Freunde gleiches erlebt hatten, ähnliches erzählten.
Für die Berufstätigkeit brauchte die Ehefrau die Erlaubnis ihres Mannes – so sah es das Gesetz vor. Die allgemeine Meinung ging jedoch dahin: die Frau gehört ins Haus und an den Herd. Ihre Urbestimmung ist das Kinderkriegen und -erziehen. Insbesondere im Kleinbürgertum „hat es meine Frau nicht nötig, zu arbeiten!“ Das Selbstbewusstsein des Hausherrn litt erheblich im anderen Fall, und nicht zuletzt seine Bequemlichkeit.
War das Geld knapp – und in der Nachkriegszeit war das die Regel – konnte kein Geld für Schule und Bildung der Tochter hinausgeworfen werden. Gemäß allgemeiner Praxis, dass mit Hochzeit und Kinderkriegen die Berufstätigkeit endete, wäre es Verschwendung gewesen, teures Geld in zweifelhafte Bildungsabenteuer zu investieren.


„Solange du deine Beine unter meinen Tisch stellst, ...“

Und in diese Zeit der fest gefügten Fünfziger fiel Marias Start in das Berufsleben.

Eigentlich wäre sie viel lieber noch ein paar Jahre in die Schule gegangen, doch das Gymnasium kostete 20 Mark - Geld, das die Eltern nicht aufbringen konnten und für die Tochter auch nicht aufbringen wollten…